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Der christliche Glaube verändert etwas

Erstellt von Vikar Stephan Rehm | |   Andacht

Ich setze mich im Geist in das Wohnzimmer einer älteren Dame, die es – so wie ich sie hier beschreibe – nicht gibt.

Der Blick der Dame ist ins Nichts gerichtet. Traurig sitzt sie in ihrem Sessel, gedanklich in einer anderen, vergangenen Welt. In dieser Welt war ihr Mann noch gegenwärtig, mit dem sie über 60 Jahre verheiratet war. Dass ihr Leben nun ohne ihn stattfindet, ist schon ein Jahr her. Seine letzten Monate waren von Verzweiflung und Ohnmacht geprägt. Warum sprach man ihm gegenüber die Diagnose "unheilbar" aus? Warum konnte ihm keiner helfen, und warum musste sie das alles mit ansehen? Sie sieht ihn an seinem letzten Morgen in Gedanken vor sich. Friedlich. Mit einem Lächeln auf den Lippen – das letzte Mal. Auch in den Wochen vor seinem Ableben war er ruhig geblieben. In ihr dagegen hatte sich mit jedem Tag mehr Wut angestaut. Manchmal hatte sich diese Wut in Tränenbächen Bahn gebrochen. Manchmal hätte sie ihr Leid am liebsten laut in die Welt geschrien. Er aber hatte alles mit Fassung getragen. Sie wusste, dass ihm sein Glaube wichtig war. Verstanden hatte sie das aber nie. Selbst als die Diagnose kam, hielt er daran fest. "Wo ist er jetzt, dein Gott?", hatte sie ihn einmal wütend gefragt.

Leid gehört zu dieser Welt. Wir können nicht die Augen davor verschließen. Manches Leid aus den Nachrichten ist weit weg. Es schaut uns hinter einer Fernsehscheibe entgegen, und wenn wir den richtigen Knopf drücken, verschwindet es wieder. Aber es bleibt doch Wirklichkeit. Manches Leid begegnet uns in unserer unmittelbaren Umgebung. Wir können versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen. Aber es bleibt doch Wirklichkeit. Manches Leid trifft uns vielleicht ganz persönlich. Den einen mehr, den anderen weniger hart. Leid ist Wirklichkeit. Wir neigen dazu, nach Erklärungen zu suchen. Wir wühlen in der Vergangenheit. Was habe ich falsch gemacht? Warum ausgerechnet ich? Warum? Es muss doch einen Grund für das Leid geben. Und dann konzentrieren wir uns auf das Jetzt. Gibt es noch eine Chance? Und sei es nur die kleinste. Irgendetwas? Leid ist Wirklichkeit. Der eine kann besser damit umgehen, der andere weniger. Die eine findet einen Weg, den Schmerz zu bewältigen. Die andere frisst er auf.

Auch Paulus weiß: Leid lässt sich nicht verleugnen. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom verschweigt er nicht, dass Christsein Leid einschließt. Der christliche Glaube schützt nicht davor. Er ist kein Schild, an dem Leid abprallt. Und trotzdem: Der christliche Glaube verändert etwas. 3 Paulus fasst es in seinem Römerbrief in folgende Worte: "Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll" (Röm 8,18). In diesem Vers denkt Paulus das Leid nicht nur von der Vergangenheit her (Warum?) und von der Gegenwart (Gibt es noch Hoffnung?), sondern er denkt auch von der Zukunft her: In der zukünftigen Herrlichkeit bei Gott, dort ist das Leid überwunden. Darauf hoffen wir, denn christliches Hoffen hat einen Grund: Jesus Christus hat für uns am Kreuz das Leid besiegt, und wer daran glaubt, hat Anteil an diesem Sieg. Sterben und Leiden sind nicht das Ende, sondern wer stirbt, übertritt die Grenze zu etwas Neuem: Hin zu Gottes Herrlichkeit, in der Leid, Schmerz und Elend keine Macht über uns haben werden. Leid gehört zu dieser Welt. Christen sind davon nicht befreit, aber Gott lässt sie im Hier und Jetzt etwas davon spüren, dass es in seiner Welt anders sein wird.

"Wo ist er jetzt, dein Gott?", hatte sie ihn wütend gefragt. Er hatte sie ruhig angesehen, seine Bibel in die Hand genommen, darin geblättert, das Lesezeichen zwischen zwei Seiten gelegt und die Bibel wieder beiseite getan. "Lies, wenn du magst". Er hatte sie angelächelt. Es war dasselbe Lächeln wie heute Morgen.

Dass Sie Gottes Trost angesichts Ihres persönlich zu tragenden Leides finden, vielleicht in Gottes Wort oder durch eine freundliche Begegnung mit jemandem, der Gott kennt, das wünscht Ihnen Vikar Stephan Rehm

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