Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl. Jer 29,7

|   Andacht

Seit meiner frühesten Kindheit bin ich von meinen Eltern immer wieder mit Barlach-Bildern umgeben worden.

Mein Vater war und blieb im Herzen Güstrower, und so oft wir dorthin in den Urlaub fuhren, besuchten wir Barlach-Gedenkstätten, den Dom, die Gertrudenkapelle oder das Atelier am Inselsee.

Dieses Jahr ist Barlach-Jahr. Vor 150 Jahren wurde Ernst Barlach in Ratzeburg geboren. Durch Corona und die dadurch entstandenen Einschränkungen ist das fast in Vergessenheit geraten. (Aber seit August findet im Albertinum in Dresden eine große Werkschau statt.)

Da uns unser Urlaub nach Ratzeburg führte, besuchten wir natürlich auch die dortige kleine, aber sehr modern aufgemachte Ausstellung.

Immer wieder zieht es mich hin – zu den Werkstücken Barlachs. Ich möchte ihnen nahekommen. Am liebsten würde ich sie berühren, über sie streichen, aber in der heutigen Zeit ist das nicht möglich. Eine liebevolle Vertrautheit strömt von ihnen aus. Und zugleich finde ich viele von Barlachs Skulpturen auch verstörend, denn er wandte sich als expressionistischer Künstler bewusst von der einfachen oder vollkommenen Schönheit ab, um die Menschen in ihrem Überlebenskampf, ihrer Armut, ihrer Natürlichkeit zu zeichnen und zu überzeichnen. Und so sind viele der Gestalten eben nicht „schön“, sondern verstärken mit Körper und Gesicht, was in ihnen ausgedrückt werden soll. Sie zeigen wirkliche Menschen und Krisensituationen.

Der Zweifler ist eindeutig und klar in seiner Hin- und Hergerissenheit. Und er ist, wie auch die anderen Figuren, so aktuell, wie lange nicht. Im Zweifler sah sich auch Ernst Barlach selbst, er hat ihm seine eigenen Gesichtszüge eingearbeitet als er ihn 1937 gestaltete. Damals war er 67 Jahre alt und schon gesundheitlich stark angegriffen. „Sein Zweifler greift eine Plastik von 1930 auf, die er damals in mehreren Zeichnungen vorbereitete. Thematisiert Barlach in der ersten Fassung zeitlos den zweifelnden Menschen, so bezieht er den Zweifel nun auf sich selbst. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verstärken sich die Angriffe auf Barlach als Mensch und Künstler“ (Landesmuseum-Meckenburg. de) durch national-reaktionäre Kreise. Ein Jahr später erlag er einem Herzinfarkt.

Zweifelnd bin ich auch durch dieses bisherige Jahr 2020 gestolpert. Es war bisher kein besonders gutes Jahr – sowohl privat, wie auch für uns hier und in der Welt.

Der Zweifel an den Entscheidungen unserer Regierungen, der Zweifel an den Forschungsergebnissen und an der Krankheit beschäftigt uns alle und treibt Meinungsverschiedenheiten und Keile in Freundeskreise, Familien, Gesprächspartner.

Aber hat Zweifel nicht auch eine positive Seite? Ja, eine sehr große. Denn Zweifelnde sind sich nicht sicher und wissen darum. Und die Unsicherheit bewahrt vor unüberlegten Handlungen.

Und – der Zweifel treibt an: zu Überlegungen, zu Alternativen, zu neuen Denk-Möglichkeiten. Er bringt uns auf die Suche:

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn´s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.“ Jer 29,7

Der Monatsspruch für den Oktober treibt uns zur Suche an. Bewusst ist hier nicht vom Finden und Abschließen die Rede, sondern vom Suchen, vom in Bewegung bleiben, vom Grübeln, Zweifeln, Nachdenken, Überlegen, Reflektieren. Da hinein gehört auch Gott. Er hört nicht nur unser Gebet, sondern er zeigt uns die nächsten Schritte, damit wir uns in die richtige Richtung aufmachen – zuerst für das Wohlergehen unserer Stadt, unserer Lebensgemeinschaft, unserer Mitmenschen und dann auch für uns.

Ihre Pfarrerin Brigitte Lammert

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