Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Urlaubszeit. Wie schön ist es, den eigenen Horizont zu erweitern! Sei es auf einer aussichtsreichen Erhebung im Gebirge oder am Meer. Sei es, um andere Kulturen und Menschen kennenzulernen oder um jenseits des bekannten Gesichtskreises Kraft zu schöpfen für meine Aufgaben in Familie und Beruf.

Die Zeit des „Freigelassenseins“ ist oft mit schönen Erlebnissen verbunden. Davon erzählen Bilder, das Urlaubstagebuch oder Kartengrüße an Bekannte, Verwandte und die, die gerade nicht verreisen können. Mancher bringt sich ein Glas voller Muscheln vom Strand mit oder hat, wie ich, einen kleinen Karton mit Steinen verschiedener Herkunft. Keine bedeutenden Stücke, aber hier und da mit Erinnerungen verknüpft. Darunter als Exot auch eine grüne Glasscherbe von meinem ersten Ostseeaufenthalt: eine Kindererholungszeit 1984 kurz vor Schuleintritt.

Szenenwechsel: Der 1. August steht in der Herrnhuter Losung unter einem Wort aus dem 5. Buch Mose 6 5: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ Ganz schön anspruchsvoll! Bin ich kleiner Mensch überhaupt in der Lage ansatzweise zu ermessen, was das heißt?

In einer Bibelwoche habe ich gelernt, dass die Übertragung des hebräischen Urtexts hier genauer heißen müsste: „Du wirst den Herrn, deinen Gott, lieb haben …“ – Wirst du wohl! Oder muss ich erst …? – Das klingt aber wenig einladend. Und ist auch nicht so gemeint. – Vielmehr: Sieh doch mal, wie reich uns Gott beschenkt! Macht so etwas nicht nur jemand, der es gut mit uns meint?! – Wenn wir beginnen, das zu erahnen oder begreifen, reift auch der Gedanke in uns: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt!“ (1. Joh. 4 19)

Wie stellen wir das aber an oder was brauchen wir dazu? Sehen wir uns doch nochmal die Glasscherbe etwas genauer an. Na, so ‘ne echte Scherbe ist es gar nicht (mehr). Freundliche gerundete Seiten, kein garstiger „In-den-Fuß-Schneider“, wenn ich barfuß am Strand spazieren gehe. Sicher wurde sie vor meinem Fund schon Monate, vielleicht Jahre, von der Kraft des Wassers zwischen Sand und Steinen hin und her gewalkt und hat Ecken und Kanten eingebüßt. Ich nehme sie gern in die Hand, denn sie hat ihre hässlichen, unnahbaren Eigenschaften abgelegt, erzählt von einem bewegten Dasein, hat an Lieblichkeit gewonnen, ohne gänzlich den Charakter verloren zu haben.

Vielleicht ist es das, was uns fähig macht zur Liebe gegenüber Gott und den Mitmenschen: ein eigener Sinn, aber kein Eigensinn, Toleranz und Nachsicht ohne ein eigenes wertvolles Profil aufzugeben. Und nicht zuletzt: Dankbarkeit und Demut. Wie eine offene Landschaft den Weitblick im Urlaub ermöglicht, fördern Dankbarkeit und Demut einen weiten Horizont in unseren Herzen, denn so bleiben wir nicht bei uns stehen. Vielmehr können wir Gottes Schöpfung staunend und unsere Mitmenschen liebevoll in den Blick nehmen.

Die daraus erwachsende Gemeinschaft muss uns außerdem befähigen, Rat und Hilfe für die Nöte unserer Zeit an höchster Stelle zu erbitten. Auch hier kommen wir als Menge herkömmlicher Scherben nicht vorwärts. Gottes Hilfe zu erbitten, setzt Demut voraus. Jeder für sich und mit gespreiztem Wesen: keine Chance! Klimawandel, Wetterkapriolen, Artensterben, Krankheiten, menschliche Entzweiungen im Kleinen und Großen – für all das stellen wir zwar Überlegungen zur Linderung an. Trotzdem werden wir – zu unserem Heil – nicht daran vorbeikommen, mit Gottes Hilfe zu rechnen und sie in Anspruch zu nehmen, wenn wir die Schwierigkeiten wirklich überwinden wollen.

Der Lehrtext der Herrnhuter Losung zum 1. September macht uns aufmerksam: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.“ (Joh. 16 23)

Lassen wir dieses Angebot nicht brach liegen, sondern Gott unsere Herzensanliegen vertrauensvoll vortragen. Wenn sich sein liebendes „Ja“ und unsere freundliche Antwort verbinden, werden sich ungeahnte Türen und Wege eröffnen.

Scherben bringen Glück. Vorzugsweise aber solche mit weichen „Gesichtszügen“. Und wenn wir sie mit Gottes Hilfe wieder zu einem Ganzen zusammenfügen, denn „es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen.“ (Blaise Pascal)

Offene Augen für Ihren nächsten schönen Fund im Urlaub oder Alltag wünscht Ihnen

Kantor Amadeus Egermann