Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“

heißt es in der Apostelgeschichte. Der Vers ist uns als Monatsspruch für den Juni dieses Jahres gegeben.

„Gehorsam“, das ist ein Wort, dass bei vielen Menschen heute Widerstand hervorruft. Da ist viel vom „vorauseilenden Gehorsam“ die Rede, von bedingungslosem, blindem Gehorsam. Und schon die Erklärung des Dudens zum Begriff Gehorsam als „Unterordnung unter den Willen einer Autorität“ erzeugt Abwehrhaltung. In unserer Gesellschaft gibt es im Moment große Sympathien für den „zivilen Ungehorsam“. Aber Kinder, die nicht gehorchen, sind wiederum ein Graus für jeden, der sie hüten muss.

Und nun steht dort fettgedruckt in der Bibel: „man muss Gott mehr GEHORCHEN als den Menschen“.

Wenn man einen Schritt zurück geht und das Wort einmal unabhängig vom derzeitigen Geschehen betrachtet, sieht man, dass das Wort in seiner Grundbedeutung etwas mit „hören“ zu tun hat. Gehorchen, das bedeutet zunächst erst einmal: hören, auf jemanden hören und dem Gehörten dann folgen.

Das griechische Wort, das in Apg 5,29 geschrieben steht, setzt sich allerdings aus zwei Wurzeln zusammen, deren Bedeutungen das „gehorchen“ noch in eine andere Richtung lenken. Der Anfang des Wortes meint so viel wie: sich überreden / überzeugen lassen, sich von jemandem bestimmen lassen, sich verlassen auf, vertrauen auf, seine Zuversicht setzen auf. Der zweite Wortteil hat die Bedeutung: Herrschaft, Machtbereich. Zusammengesetzt bedeutet das Wort also in etwa: Sich unter dem Herrschaftsbereich von … befinden; vertrauen auf die Macht von...
Dann heißt der Vers z.B.: „Man sollte der Macht Gottes mehr vertrauen als den Menschen“.

Als Petrus und die anderen Apostel diesen Satz sagen, stehen sie vor der obersten religiösen Behörde des Judentums, die die Jünger mit einem Lehr- und Predigtverbot belegt hat. Es ist übrigens eine ähnliche Situation wie die Martin Luthers auf dem Reichstag in Worms, der dieser Tage vor 500 Jahren stattfand.

Für die Jünger bedeutet ihre Aussage: Wir gehören zu und vertrauen dem, der Gottes Liebe und Gnade in Person ist; Jesus Christus. Und wir können nicht anders, als davon zu reden, weil diese Worte Worte des Lebens sind, die allen Menschen gelten und alle sollen davon hören. Mit diesem Bekenntnis der Jünger ist auch gesagt, was „Gehorsam“ gegenüber Gott bedeutet: Aus Überzeugung zu dem zu gehören, der keinen Menschen verloren gibt. Dem zu vertrauen, der andere Maßstäbe an Menschen anlegte, als es der Norm seiner Zeit entsprach. Von dem getragen zu sein, der Menschen zu einem neuen Leben befreit, in dem sie sich angenommen und geliebt wissen. Und sich deshalb selbst befreit zu fühlen aus der Gefangenschaft von Eigenliebe und Engherzigkeit und sich leiten zu lassen hin zu Rücksichtnahme auf andere und Barmherzigkeit.

Aber bei dem Vertrauen und der Freiheit, zu der uns Gott in Jesus Christus befreit, geht es nicht um Narrenfreiheit oder gar Anarchie. Auch in dieser Freiheit trage ich Verantwortung. Denn auch als Christin bin ich Teil der Gesellschaft, lebe ich mit anderen Menschen in Gemeinschaft. Und die funktioniert nur, wenn wir auch aufeinander hören, uns zuhören, uns Gehör schenken und das Gehörte befolgen. Dass das nicht außer Kraft gesetzt wird, sagt uns das kleine Wort „mehr“.

Wir sind von Gott in diese Welt gestellt – und das ist gut und wichtig. Denn so können wir in dieser Welt davon reden, was uns trägt, stärkt und ermutigt: Gott hat Worte des Lebens für uns. Und dieses Leben reicht weiter, als unser Dasein in dieser Welt. Diese Worte dürfen wir immer wieder hören und darauf vertrauen. Und deshalb ist es gut, Gott mehr zu gehorchen als Menschen. Amen.

Ich wünsche uns allen eine gesegnete, erholsame fröhlichere und entspanntere Sommerzeit.

Pfarrerin Friederike Hecker